Kein anderes Nutzfahrzeug hat so viele Fans wie der VW-Transporter. Das gilt vor allem für Busse älterer Generationen. Bei echten Liebhabern genießen die Modelle mit luftgekühltem Heckmotor den höchsten Stellenwert. Unternehmen wie Toni Seemeiers Boxer Shop haben sich auf Restaurierung, Wartung und Pflege der „bulligen“ Raritäten spezialisiert.
Es ist noch gar nicht so lange her, da wanderten betagte VW-Busse noch reihenweise auf den Schrott. Vereinzelt machten sich ein paar Käfer-Freaks die Mühe, vorher noch das Triebwerk auszubauen. Manche horteten die mittlerweile gesuchten 50-PS-Typ-1-Motoren; andere sammelten Typ-4-Aggregate für drehmomentstarke Tuning-Projekte. Nur wenige jedoch schenkten der Substanz der Organspender angemessene Aufmerksamkeit.
Im Jahr 2005 landete solch ein vermeintlicher Verbrauchtwagen beim Boxer Shop. Der Chef nahm das Gefährt in Augenschein: „Blinker unten, wie beim A, Rückleuchten wie der B, eckige Kiemen an der D-Säule und darunter eine Tankklappe, Y-Rahmen hinter den glatten, rundlich geformten Stoßstangen – das ist ein T2 A B“, stellte er fachmännisch fest. Ja, der Seemeier Toni hat schwer was auf dem Kasten, und das – wie der vorliegende Fall beweist – im wahrsten Sinne des Wortes.
Der durch Feindberührung vorn rechts etwas ramponierte Kastenwagen war am 23. August 1972 erstmals zugelassen worden und dürfte folglich einer der „Letztgeborenen“ seiner Art sein. Ganz oben auf der zweiten, braunen Umschlagseite der bis heute vorhandenen Geburtsurkunde – einem uralten Fahrzeugbrief also - ist die Firma Maybach als Halter eingetragen. Sie beschäftigte sich aber nicht mit Nobelkarossen, sondern brachte einst edle Bekleidung mit dem fensterlosen Transporter zum Kunden.
Vom Glanz der frühen Tage war allerdings auch im Laderaum nichts übrig geblieben. Hier harrte vielmehr das aus Spanplatten, Schaumgummi und Frottee-Stoff „zusammengetackerte“ Mobiliar einer fahrbaren Notunterkunft seiner Entsorgung – Gerümpel, mit dem es einer der Vorbesitzer immerhin zur amtlichen Anerkennung des Vehikels als „Sonder(müll)-Kfz Wohnmobil“ gebracht hatte. „Raus damit“, entschied der Seemeier Toni. Das bezog sich übrigens auch auf den 50-PS-Motor, mit dem alsbald ein Käfer-Fahrer glücklich gemacht werden konnte.
All dieser Dinge entledigt, zeigte der Bus seine Schokoladenseite: Es schien, als ob es hier noch jede Menge kernige Substanz gäbe. Leider hatte man keine Zeit, um genauer nachzusehen, denn es stand mal wieder eines der beliebten Boxer-Shop-Sommerfeste an. Hierfür bedurfte es einer ausgefallenen Attraktion für die Gäste. Also lag es nahe, die verehrte Kundschaft mit dem Können eines Trockeneisstrahlers zu beeindrucken. Der pustete während des bunten Nachmittags den Unterboden des Bullis blank. Das Ergebnis beeindruckte zu guter Letzt vor allem den Veranstalter…
Keine Frage, einige wenige Durchrostungen waren schon zum Vorschein gekommen. Nun wurde ein Soda-Strahl auf die neuralgischen Stellen gerichtet. Das Salzkristallen ähnliche Material trägt Rost sowie Lack rückstandsfrei ab. Dabei ist es nicht aggressiv und zudem wasserlöslich. So konnte schonend das tatsächliche Ausmaß jener Zerstörung ans Tageslicht gebracht werden, die der Zahn der Zeit hinterlassen hatte. Das Blech blieb vollkommen frei von Wellen oder unerwünschten Verspannungen. Dank dieser perfekten Vorarbeit ließ sich die Karosserie nun dem Neuzustand entsprechend aufbereiten.
Original sollte sie aber nicht bleiben. Der Seemeier Toni nahm die Bezeichnung „Trennwand“ wörtlich und trennte selbige aus dem Fahrzeug. Damit das auch wirklich Sinn macht, musste die erste Sitzreihe von drei auf zwei Plätze umgerüstet werden. Zu diesem Zweck galt es, den Boden unter dem Gestühl gravierend zu verändern. Halter für die inneren Laufschienen der Sitze wurden von Hand aus Blech gefertigt. Darüber hinaus transplantierte man die erforderlichen Gurtbefestigungspunkte aus einem anderen Wagen in die restaurierte Bus-Karosse. Unter dem Fahrersitz wurde eine Standheizung verbaut.
Klar, dass hier eine Nutzungsänderung auf dem Bus-Fahrplan stand. Künftig sollte der Transporter dem Boxer-Shop-Team als zugkräftiger, werbewirksamer und mobiler Aufenthaltsraum dienen, vor allem dann, wenn‘s mal wieder etwas länger regnet auf einem Treffen. Hier blickt man nicht durch die rosa Brille aufs Veranstaltungsgelände, sondern standesgemäß durch eine grüne Color-Verglasung. An der stark von stiller Verbrennung befallenen Original-Kastenwagen-Schiebetür stellte das natürlich ein gewisses Problem dar, weshalb der Chef ein rostfreies Exemplar mit getöntem Schiebefenster aus Kalifornien einfliegen ließ! Die restlichen Scheiben entnahm er einem leider unrettbaren „Silberfisch“.
Auch sonst hat der Boss keineswegs gespart. Er besorgte eine noch zu modifizierende Helsinki-Rückbank nebst zwei beheizbaren Recaro-Hockern und ließ das alles inklusive Armaturenbrett sowie Tür- und Laderaumverkleidungen mit erlesenem, grauem Leder beziehen. Nach der Installation einer komplett aus Sony-Komponenten bestehenden High-End-Musikanlage war er aus der Traum vom Ruheraum…
In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass auch die Fortbewegung im Boxer-Shop-Bulli nichts mit der sprichwörtlichen Ruhe vor dem Sturm zu tun hat. Unterwegs kommt die Musik aus dem Triebwerksabteil, wo ein 180 PS starker 2,7-Liter-Typ-4 mit 48er IDF-Vergasern und elektronischer Zündanlage am Rad, beziehungsweise an den Zahnrädern des Getriebes dreht. Auch die haben es in sich: Ein „langer“ vierter Gang und ein Sperrdifferential optimieren den Vortrieb. Wirklich leise geht das trotz des vorhandenen Zentralluftfilters und eines Endschalldämpfers „System Boxer-Shop“, der an einen Fächerkrümmer geflanscht ist, nicht vonstatten.
Die beinahe im Überfluss zur Verfügung stehende Power dient nur am Rande der Bespaßung von Mitarbeitern des Hilpoltsteiner Unternehmens bei deren Begegnungen mit anderen sportlich ambitionierten Verkehrsteilnehmern. Der Bus ist vielmehr auch als nostalgische Zugmaschine im Einsatz, wenn es zum Beispiel darum geht, einen Käfer-Boliden über die Hohen Tauern zum GTI-Treffen nach Reifnitz zu trailern.
Es war gar nicht leicht, die Anhängerkupplung für den „T2 AB“ aufzutreiben. Das Teil ist ausschließlich für VW-Busse des Modelljahres 1972 verwendbar und deshalb äußerst rar. Volkswagen brachte damals die ersten Typ-4-Motoren im Transporter zum Einsatz, weshalb eine bereits ein Jahr später wieder verworfene, deutliche Änderung an den Längsträger-Hilfsrahmen vorgenommen wurde. In dieser massiven Konstruktion finden sich die Aufnahmepunkte des „Agrarhakens“.
Selbstverständlich passte das Boxer-Shop-Team Fahrwerk und Bremsen des Fahrzeugs dem neuen Leistungsprofil an. Zuerst erfolgte die Montage eines höhenverstellbaren Vorderachskörpers mit Bremskraftverstärker. Vier Koni-Stoßdämpfer brachten die gewünschte Sportlichkeit ins Spiel. Dazu kam natürlich gar nichts anderes in Frage als eine Bremsanlage „nach Art des Hauses“. Sie besteht vorn aus Vierkolbensätteln vom Porsche 996 und innenbelüfteten Scheiben, deren Durchmesser stolze 32 Zentimeter beträgt. Hinten werden ebenfalls Scheibenbremsen montiert; sie lassen sich auf sämtliche VW-Busse der ersten drei Generationen adaptieren.
Um den Platz in den Radhäusern optimal nutzen zu können, musste der „luftgekühlte“ Spezialist Seemeier die Maßanfertigung seiner 17-Zoll-Felgen teilweise selbst in die Hand nehmen! Er besorgte sich Schmiedesterne im „Fuchs-Look“ und polierte sie auf Hochglanz. Anschließend wurden sie unter Berücksichtigung von Bremskonturen und der zur Änderung des Lochkreises notwendigen Bauteile mit Schüsseln - oder „Betten“ - so komplettiert, dass die Einpresstiefen hier im Einklang mit den maximal möglichen Felgenbreiten von 7,5 und 9 Zoll stehen. Reifen der Dimensionen 205/45 und 235/45 schienen dafür wie geschaffen.
Beim Boxer Shop haben alle mit Liebe gemachten Autos einen Namen. Die heilige Handlung der Taufe wird aber nicht mit Weihwasser vollzogen sondern mit Lack. Paul bekam reichlich ab davon. Silber und Orange zieren sein frisch gebügeltes Blechkleid, so dass hinsichtlich seiner Familienzugehörigkeit keine Fragen offen bleiben. Der Boxer Shop grüßt mit seiner „Corporate Identity“…
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