Der Abwrackprämie die Zähne gezeigt
Seelenlose Fortbewegungsbüchsen müssen nicht sein – auch wenn man sparen will. Billige Vehikel, die den Charme eines 99-Euro-Kühlschranks vom geilen Geizmarkt versprühen, sind keine Lösung. Wer sitzt schon gern hinter einem Armaturenbrett aus Recycling-Plastik – auch „Trashboard“ genannt – verlassen von allen guten Geistern wie Sitzheizung, Klimaanlage oder elektrischen Fensterhebern? Es geht auch anders!
Guter Rat, der teuer ist, kommt momentan zur falschen Zeit. Thomas Opitz liegt daher richtig. Sein Konzept sieht zunächst einmal die Wiederverwendung eines betagten Fahrzeugs vor – nicht die Wiederverwertung. In den Mittelpunkt seiner auch unter Umweltaspekten vorbildlichen Bemühungen stellte er einen Golf, der auf Bestellung seiner Mutter 1994 mit 90 Pferdchen unter der Haube vom Wolfsburger Band gelaufen war. Nach vier Jahren harter Entwicklungsarbeit und einer größeren Menge gezahlten Lehrgelds leistete das auf dem Originalmotor basierende Triebwerk standfeste 210 PS! Christian Ferstl, ein Freund, der sein enormes technisches Wissen bei Audi in Ingolstadt erwarb, hatte zunächst exakt berechnet, welche Gegebenheiten es zu schaffen galt, um aus dem Einkaufs- einen Sportwagen zu machen.
So führte kein Weg an einer Verdichtungsreduzierung vorbei, die durch den Einsatz einer Edelstahlplatte zwischen Motorblock und Zylinderkopf zustande kam. Ein neuer Garrett-T3-Turbolader schlug mit 900 Euro zu Buche. Mittels einer CNC-Fräse ließen sich sämtliche Flansche herstellen, die für die Anschlüsse des Laders und den speziell gefertigten Krümmer notwendig waren. Die Auspuffanlage besteht zu einem großen Teil aus Komponenten des Abgassystems vom Golf GTI G60. Frischluftseitig blieb die serienmäßige Zentraleinspritzung in Betrieb. Sie wurde ergänzt durch vier Einspritzdüsen aus dem Audi S2, die in den Saugrohen kurz vor den Einlässen platziert sind. Daher bedurfte auch das serienmäßige Steuergerät einer via Laptop frei programmierbaren Ergänzung, die das Schrobenhausener Unternehmen F-Tec Tuning beisteuerte. Darüber hinaus fanden eine VR6-Kraftstoffpumpe, ein ladedruckabhängiger Benzindruckregler, ein Pop-Off-Ventil und ein riesiger Ladeluftkühler Verwendung. Große Mühe bereitete die Anfertigung eines Motorhalters aus Edelstahl, der einen serienmäßigen Halter ersetzen musste, weil dieser der Turbo-Konstruktion im Weg stand.
Operation gelungen, Patient lebt. Und wie er lebt! Bei einem bar Ladedruck belastet das ehemalige Allerweltstriebwerk über eine Sachs-Rennsportkupplung das aus einem Golf GTI 16V stammende Getriebe mit knapp über 200 PS. Thomas Opitz ist zurecht stolz darauf, dass sich sein privates Blue-Motion-Projekt über die letzten 20.000 Kilometer störungsfrei bewährt hat. Er führt diesen Umstand auch auf seinen besonnenen Umgang mit der Technik zurück. Der junge Mann macht nur selten Gebrauch von der Option, den Ladedruck per Dampfrad auf 1,2 bar anzuheben… Offiziell verfügt der Golf nun über 210 PS, die ausreichen, einen Fünfer GTI das Fürchten zu lehren. Weit unterlegen dagegen ist das Fahrzeug den gleichaltrigen VR6-Modellen – zumindest in Sachen Gewicht und Spritkonsum. Der sechszylindrige Gegner ist 200 Kilo schwerer und konsumiert im Durchschnitt rund drei Liter Super mehr auf 100 Kilometer.
Angesichts der mehr als verdoppelten Motorleistung schien es angebracht, neben Dom- und Querlenkerstreben auch ein KW-Gewindefahrwerk der Variante II zu installieren und die Bremse zumindest an der Vorderachse zu optimieren. Komponenten aus dem Golf II GTI G60 ermöglichten die Montage von Bremssätteln, die einem Audi S2 entstammen. Sie nehmen hier Tarox-Rennbremsscheiben in die Zange. Die Freigängigkeit der Räder gewährleisten fünf Millimeter starke Distanzscheiben. An der Hinterachse klemmen gar Zehn-Millimeter-Spurplatten unter den Felgen, um die optischen Reize der verchromten Schmidt-CC-Line-Alus vom Format 7,5 x 17 ET 35 im wahrsten Sinne des Wortes hervorzuheben. Alle vier sind in der Dimension 205/40 bereift. Damit die Goodyear Eagle F1 keinen Schaden nehmen, wurden die Radläufe geweitet und anschließend unter Verwendung von Zinn perfekt in Form gebracht. Im gleichen Atemzug verschwanden Wischer und Markenemblem am Heck. Danach erfolgte eine Komplettlackierung im Originalfarbton „Bright Blue“.
Die Renovierung der Fassade sollte aber noch ein Weilchen andauern. Erst mit LED-Rückleuchten, Xenon-Scheinwerfern, Klarglasblinkern sowie verchromten Rückspiegelgehäusen und Wischerarmen war der schon etwas ältere Golf wieder voll „up to date“. Den Innenraum brachten blaue Edition-Recaros, Audi-TT-Streben um die Mittelkonsole und ein polierter Wiechers-Bügel aus Aluminium mit Kreuz und H-Strebe auf Vordermann. Außerhalb der Automobil-Branche mag die alte Weisheit gelten, derer zu Folge man ruhig dumm sein kann, sich aber zu helfen wissen muss. Wie Thomas Opitz und sein Golf beweisen, erfordert die hohe Kunst des Tunings nicht nur handwerkliches Geschick sondern auch weit überdurchschnittliche Intelligenz sowie eine gehörige Portion Kreativität. Exakt deshalb holt sich die Industrie ihre Inspirationen – nicht immer, aber immer öfter - am Wörthersee!
Details
Basisfahrzeug: VW Golf (90PS) Erstzulassung: 1994
Motor: basierend auf dem Originaltriebwerk
Leistung: 210 PS
Hubraum: 1,8 l
Motorextras:Turbonachrüstung in Eigenregie, Ölkühler, Ladeluftkühler, S2-Einspritzdüsen, freiprogrammierbares Zusatzsteuergerät, verchromte Motorteile
Auspuffanlage:Gruppe-A-Auspuffanlage mit G60-Komponenten und 200er Metallkat
Getriebe: Golf II GTI 16V, Sachs-Rennkupplung
Fahrwerk:KW-Gewindefahrwerk Variante II, Querlenkerstrebe, Domstreben vorn und hinten
Bremsanlage:G60-Bremsanlage vorn mit Tarox-Racing-Scheiben, Audi S2 Bremssättel
Felgen:Schmidt CC Line, 7,5 x 17 ET 35, vorn 5-mm-Distanzscheiben (Freigängigkeit), hinten 10-mm-Distanscheiben (Optik)
Reifen:Goodyear Eagle F1, 205/40-17
Karosserie: alle Radläufe gezogen und gezinnt, Heckklappe ohne VW-Emblem und Scheibenwischer
LED-Rückleuchten hinten, Hella-Celis-Scheinwerfer mit Xenon-Licht, Klarglasblinker vorn und seitlich, Spiegelgehäuse verchromt, verchromte Scheibenwischer uvm.
Lackierung: Bright Blue (Originalfarbton)
Innenraum:
Recaro-Ausstattung in Blau vom GTI Edition, Audi-TT-Bügel an der Mittelkonsole, Wiechers-Bügel (Alu poliert) mit Kreuz und H-Strebe
HiFi/Multimedia:Sony-Radio mit 4,5-Zoll-Display, DVD-Player, Alpine-Frontsystem, digitale Smart-Endstufe, 30er Phase-Linear-Subwoofer